Im letzten Jahr habe ich begonnen mir zuzuhören. So konnte ich, unter anderem durch meine Abstinenz und mithilfe von einer super Psychiaterin, die mich intensiv therapiert hat, viele Fortschritte machen in meiner Persönlichkeitsentwicklung. Ein grosses Thema, das mich schon seit Jahren belastet hat, ist es, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und für sie und meine Werte einzustehen. Durch meine Erzählungen aus meinem Alltag, wurde in den Therapiestunden schnell klar, dass es mir nicht so leicht fällt Grenzen zu setzen. Ich hatte praktisch keine Grenzen und das ist mit unter einen Grund für mein Leiden der vergangenen Jahre gewesen. Es kostete mich buchstäblich einen Teil meiner Gesundheit und vor allem meines Wohlbefindens, dass ich versuchte, immer verfügbar und verständnisvoll zu sein. Ich habe lange Zeit geglaubt, lieb zu sein bedeute sich ständig anzupassen und oftmals die Werte anderer oder deren Wohlergehen über mein eigenes zu stellen.
Als ich an einem Abend auf dem nachhause Weg war und kurz vor dem Haus, in dem ich lebe, der Strasse entlanglief, sah ich einen Mann mittleren Alters lächelnd auf mich zukommen. Ich hatte ein komisches Gefühl, ich wusste nicht recht, ob ich diesen Mann irgendwie kannte oder warum er schnurstracks auf mich zulief. Ich wusste nicht was gleich passieren würde und durch meine Unsicherheit, lächelte ich ihm zurück. Als er dann vor mir stand, fragte er mich, wie ich heisse. Ich sagte ihm meinen Namen und wusste noch immer nicht, was er von mir wollte. Er fragte weitere Fragen, ob ich auch hier in der Nähe wohne und was ich heute Abend vorhabe. Im Nachhinein war das Beantworten dieser Fragen eines wildfremden Mannes schon eine persönliche Grenzüberschreitung für mich. Doch wie ich halt so war und es leider manchmal immer noch bin konnte ich nicht nein sagen. Ich wollte seine Gefühle nicht verletzten, ihn nicht dumm dastehen lassen, obwohl ich mich selbst sehr unwohl und komisch dabei fühlte. Es stellte sich heraus, dass er in meiner Nachbarschaft wohnte und mich nach meiner Nummer fragen wollte. Wie man sich es denken kann, gab ich ihm diese. Später schrieb er mir und fragte mehrmals, ob ich ihn noch am selben Abend treffen würde. Sogar dann brachte ich eine Ausrede nach der anderen, um abzusagen, weil ich es nicht übers Herz brachte ihm zu sagen, dass ich ihn nicht treffen wollte. Am nächsten Tag hatte ich Therapie und erzählte meiner Psychiaterin die ganze Geschichte. Sie machte mir deutlich klar, wie ich in der ganzen Situation meine eigenen Bedürfnisse und Gefühle missachtet hatte und die eines wildfremden Creeps darüber gestellt hatte. Sie zeigte mir auf, dass ich niemandem und schon gar nicht einer Person, die ich nicht kenne, etwas schulde. Dass er mich in eine unangenehme Situation brachte, in der er aus dem nichts etwas von mir wollte. Und, dass ich wirklich nicht verantwortlich war, wie er sich gefühlt hätte, wenn ich einfach nein gesagt hätte. Dass es höchste Zeit dafür war, dass ich ihm schrieb, dass ich nichts von ihm will oder ihn direkt blockiere.
Direkt nach der Sprechstunde schrieb ich ihm ohne weiteres Erklären, dass ich ihn nicht kennenlernen möchte und blockierte seine Nummer. Ich fühlte an diesem Abend beides: Ich war ein wenig stolz auf mich, dass ich für mich eingestanden war. Und ein bisschen schuldig mir gegenüber, dass es so weit kam. Dass ich nicht vorher die Notbremse zog, auch wenn ich mich seit der ersten Minute mit ihm unwohl fühlte.
An diesem Tag wurde mir bewusst, wie wichtig es ist Grenzen zu setzen. Dass ich mich nicht schuldig fühlen muss, wenn ich sie setze und dass sie notwendig sind, dass es mir gut gehen kann. Auch wenn so etwas selbstverständlich klingen mag, ist es eine Sache die schwierig ist für mich und an der ich mich täglich übe. Ich habe unzählige Situationen erlebt, in denen sich meine Grenzen aufgrund anderer verschob. In denen ich nicht für mich und meine Meinung eingestanden bin. Situationen, die ich über mich ergehen liess, weil ich nicht wusste ob und wie ich mich aus der Situation herausnehmen kann. Oder wo ich mich danach schuldig fühlte, wenn ich es dann mal schaffte Nein zu sagen. Situationen, in denen ich dachte, ich bräuchte eine riesige Erklärung und starke Argumente, um etwas zu tun oder nicht zu tun so wie ich es wollte. In denen ich Rücksicht nahm auf jene, die nicht über mein Leben bestimmen sollen. Und das sind alle ausser ich selbst.
Lange dachte ich, Grenzen haben mit Härte, Kälte oder Egoismus zu tun. Der Grund, wieso ich so oft über meine eigenen Grenzen ging, war, weil ich gemocht werden wollte. Oder weil ich dachte, die Leute würden mich mehr mögen, wenn ich mich ihnen und ihrer Meinung anpasse.
Aber wenn ich heute darüber nachdenke, dann gefallen mir persönlich ja sogar genau diese Menschen, die wissen, was sie wollen und wofür sie stehen möchten. Vor Personen, die dann auch danach handeln, habe ich selbst grössten Respekt. Und so wird mir bewusst, dass ich selbst so eine Person sein will.
Gesunde Grenzen zu setzen bedeutet heute für mich, dass ich mir meiner Werte bewusst bin und alles dafür tue, diese zu beschützen. Es bedeutet für mich Autonomie sowie auch Selbstschutz. Schutz davor ausgenutzt zu werden, Schutz im sexuellen, emotionalen und physischen Sinne. Oft braucht es ein wenig Mut, wenn ich Grenzen setze. Oft ist da eine Angst verbunden mit Scham. Ich hatte diese Leute nach der Party zu mir nachhause eingeladen, wie sage ich ihnen, dass ich doch müde bin und allein reingehen will. Ich «schulde» ihnen schliesslich jetzt, dass sie in mein Zuhause, meinen Safespace kommen dürfen, denn sie sind den ganzen weg mit mir hierhergekommen. Oder nicht? – Oft ist das Grenzen setzen noch ein inneres Ringen mit mir selbst. Meistens muss ich mich mit einem inneren Dialog erst selbst davon überzeugen, dass meine Bedürfnisse wichtig sind und ich sie, wenn möglich, befriedigen muss, damit es mir gut geht. Dass sie nicht zu viel sind und dass ich für mich einstehen muss, ohne schlechtes Gewissen, ohne Erklärung.
Bis heute verbinde ich das Grenzen setzen leider viel mit Schuld und Scham. Aber mit jedem Erfolg, jedem Mal wo ich lerne, für mich einzustehen, ehrlich mit mir zu sein, zu spüren was ich gerade brauche und was nicht,und wenn ich in diesem Sinne handle, wächst das Vertrauen zu mir selbst.
Das Gefühl, nach dem ich meine gesunde Grenze durchgesetzt habe, ist ein schönes Gefühl. Es lässt mich stolz fühlen. Ich fühle mich dann von mir selbst ernst genommen. Das ist sehr wichtig. Grenzen ist kein Weg von mir, sondern ein Weg zu mir.
Menschen, denen ich wichtig bin, respektieren meine Grenzen.
Heute weiss ich, Grenzen zeigen sich nicht nur in grossen Momenten. Sie leben im Alltag – emotional, körperlich, zeitlich und gedanklich. Ich achte mich darauf, dass ich emotionale Grenzen setzen lerne: Wann übernehme ich Gefühle, die nicht die meinen sind? Wann sage ich «ist schon okay» obwohl es das nicht ist? Ich darf meine Gefühle wie zum Beispiel Trauer, fühlen, ohne mich zu rechtfertigen.
Ich gebe mir Mühe, meine physischen Grenzen zu wahren: Wann und mit wem fühlt sich Nähe zu viel an? Darf ich Abstand brauchen, auch wenn ich liebe? Ich darf auf mein Körpergefühl hören und sollte es nicht ignorieren.
Auch meine zeitlichen Grenzen sind wichtig: Wem schenke ich Zeit aus Schuldgefühl? Wann sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Es darf sich gut anfühlen einen Abend für mich zu haben, me-time zu haben ohne Erklärung.
Meine intellektuelle Grenze ist mir besonders wichtig geworden: Muss ich mich immer erklären, rechtfertigen, diskutieren? Darf jemand meine Sicht von mir hören, ohne dass ich mich verteidige? Wie höre ich auf, mich beweisen zu wollen? Wenn es um etwas geht, das mir wichtig ist, dann ist das so, es spielt keine Rolle ob und wer das anders sieht. Nicht jede Grenze braucht Begründung. Verständnis zu bekommen ist schön aber keine Voraussetzung.
Nach wie vor lerne ich, Grenzen zu setzen ohne Schuld und Scham im Voraus. Und ich lerne, sanfter mit mir zu sein, wenn es mal nicht funktioniert. Wenn ich meine Grenze erst später setzen kann als gewünscht. Wenn ich eine Grenze schriftlich kommuniziere, weil ich es mündlich und face to face nicht hinbekomme.
Welche Grenze fühlt sich für Dich überfällig an? Wo würdest Du eine setzen, wenn du dich nicht erklären müsstest?

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