Kategorie: LOVE

  • BIG GIRLS CRY

    BIG GIRLS CRY

    War es Leere?
    Ich habe lange Zeit nicht geweint. Ich glaube, dass das daran lag, dass ich Angst hatte. Ich hatte Angst davor, was passieren würde, wenn ich Emotionen wie Trauer zulasse. Die Vorstellung vom traurig sein machte mir solche Angst, dass ich mich ab irgendeinem Zeitpunkt ganz automatisch ablenkte, wenn auch nur die kleinste Trauer in mir hochkam. Ob diese Ablenkung mit Konsum, Shopping, Casino oder Social-Media zu tun hatte, war dann ganz egal. Hauptsache war, dass ich es sofort tun konnte, dass es mir möglichst viele Glücksgefühle gab und dass ich dabei all meine Sorgen vergass, meinen Kopf förmlich abstellen konnte dabei.
    Ich weiss ehrlichgesagt nicht, wann ich damit anfing, solche grosse Angst vor Gefühlen zu haben. Was ich auch nicht weiss, ist wieso dieses Szenario so unvorstellbar für mich war: Einen Abend nachhause kommen und traurig sein. Trotzdem selbstfürsorgerisch zu handeln und vielleicht am Abend noch zu weinen, bis ich einschlafe. Es ist für mich selbst schwer zu verstehen. Und es brauchte einiges, bis mir überhaupt bewusstwurde, dass der Umgang mit manchen Emotionen für mich so schwierig ist.
    Mit der Zeit fühlte sich dann alles stumpf an. Ich gab der Trauer schlicht keinen Platz obwohl sie mich doch so dringend fühlen hätte lassen müssen. Ich drängte die Trauer weg von mir in den hinterletzten Ecken. Es war sehr spät, als sich als Konsequenz davon etwas ganz Neues zeigte.
    Ich erinnere mich, wie ich viele Abende, sehr viele, einfach so auf meinem Bett sass. Ohnmächtig und ich wusste wirklich nicht, wie ich daraus rausbrechen konnte. Ich wusste nicht was ich als nächstes tun sollte. Wie ich aufstehen konnte und mir Abendessen zubereiten sollte. Oder etwas malen oder etwas schreiben sollte. Dinge, die ich mein Leben lang geliebt habe. An den guten Tagen habe ich es geschafft, einem guten Freund anzurufen. Ja, es war ein Versuch mir zu helfen. Doch diese Telefonate dauerten stundenlang und waren gefüllt von ihm, wie er mir gut zu redete, mir immer wieder Mut machte und mich auf meine Fähigkeiten hinwies. Und mir, wie ich immer noch Mals fragte, was ich nun tun könnte und ob er echt denke, dass alles wieder gut komme. Auch wenn ich zutiefst dankbar dafür bin, einen Menschen zu kennen, dem ich Tag und Nacht anrufen kann, muss ich mir auch eingestehen, dass auch Trost eine Form von Ablenkung sein kann, wenn man nicht an den Kern geht. 
    Ich glaube auch, dass wenn man die Trauer jahrelang wegdrückt, sie grösser wird. So gross, dass sie sich wie ein Schleier über meine Abende zog und mich entweder stundelang an die Decke oder ins Iphone starren liess ohne Kraft auch nur aufzustehen und aufs WC zu gehen. Oder dass sie sich so unaushaltbar anfühlte, dass ich mich gezwungen sah, auf der Stelle etwas zu tun, dass mir einen so grossen Dopamin-Kick wie möglich gab. Es fühlte sich an wie eine fürchterliche Abwärtsspirale, mit deren Muster ich auch heute noch zu kämpfen habe, wenn ich nicht achtsam auf mich, meine Selbstfürsorge, und vor allem auch meine Schlafhygiene achte.

    Für mich ist es verrückt, wie Gefühle objektiv so viel Sinn ergeben und subjektiv so schwierig sein können. Ich habe etwas im letzten halben Jahr gelernt: Jedes Gefühl erfüllt seine sehr wichtige Aufgabe. Genauso, wie die Freude verbindet, zeigt Wut Grenzen. Die Angst soll mich schützten, während Scham Zugehörigkeit regulieren kann. Mit der Trauer verarbeite ich Verlust. Gefühle sind nicht gefährlich. Sie sind Information.
    In den letzten Wochen habe ich viel geweint. Ich weiss noch genau wie das begann. Die ersten Male, als ich spürte, dass ich traurig war und es zuliess. Am Anfang kamen dann nur ein paar einzelne Tränen. Mit der Zeit konnte ich richtig schluchzen. Oft leide ich abends an Gedankenkreisen. Ich grüble über alles nach und mache mir Sorgen, die es eigentlich nicht geben sollte. Ich habe gemerkt, dass diese Gedanken leiser werden, wenn ich weine. Ich komme vom Kopf zurück in den Körper und ersetze meine Gefühle nicht einfach mit Gedanken. Nach dem Weinen fühlt sich mein Körper warm an und wohlig. Ich fühle mich verbunden und bin müde. Ich kann besser einschlafen, wenn ich geweint habe. In der Therapie ist mir beigebracht worden, dass das Weinen ein menschliches Ventil ist, dass es tatsächlich etwas reguliert. Dass wir Menschen dazu gemacht sind zu weinen im Umgang mit Schmerz oder Herzschmerz. In den Wochen, in denen ich weine, fühle ich mich meistens stabiler und habe besseren Schlaf. Ausserdem empfinde ich die Zeit der Trauer und den «negativen» Gefühlen als viel kürzer, wenn ich sie zulasse und habe das Gefühl sogar mehr Freude zu spüren am nächsten Tag. Auch dies ist eine Erkenntnis, die mir Ruhe gibt.

    Am meisten Angst habe ich vor der Trauer. Das mag daran liegen, dass ich nie einen gesunden Umgang mit diesem Gefühl gelernt habe. Wahrscheinlich, weil ich als Kind im Übermass damit konfrontiert wurde und ich gelernt habe, dass Trauer etwas Schlimmes ist, etwas das in ganz frühen Jahren meine Existenz hätte aufs Spiel setzten können. Auch mit der Ohnmacht kann ich nur schwer umgehen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob dies ein Gefühl ist, das helfen kann, auch wenn sie sicher für etwas steht. In meinem Fall ist die Ohnmacht so eine Art Warnzeichen. Wenn sie kommt, dann ist das mit Sicherheit ein Signal dafür, dass ich schleunigst auf mich achten muss. Auch zur Wut habe ich ein unausgeglichenes Verhältnis. Ich denke, dass das auch aus der Kindheit kommt. Ich habe keinen gesunden Umgang mit der Wut gelernt und war ihr oft ausgeliefert. In einem Masse, in dem sie alles andere als konstruktiv war. Ich finde sie so unangenehm, ich glaube das ist so weil ich auch sie oft in die Ecke dränge. Und wenn ich sie dann Mal fühle, kommt sie so unkontrolliert und ich sage und mache Sachen, die ich bereue, wenn ich mich beruhige. Ich hätte gerne einen reifen Zugang zu meiner Wut. Es wäre sicher gut, wenn sie schneller kommen könnte und dafür so, dass sie nicht alles kaputt zu machen versucht. Scham fühle ich leider oft. Manchmal überspiele ich sie, dann holt sie mich wieder ein. In Momenten in denen ich allein bin. Und dann übernimmt sie mich und bleibt stundenlang. Ich merke, dass ich ihr weniger Platz geben will. Sie tut mir nicht immer gut.

    Früher hatte ich so ein Bild verinnerlicht. Frau ist stark, wenn Frau Haltung bewahrt. Wenn sie nichts klein kriegen lässt und sie ihre Emotionen «unter Kontrolle» hat. Wenn sie von ihren Gedanken und nicht von ihren Gefühlen geleitet ist. Ein schöner Gedanke, der sich für mich unmöglich leben lässt. Und dessen Romantisierung meine Abgestumpftheit wohl mitradikalisierte.
    Heute weiss ich für mich, dass es stark ist zu fühlen. Fühlen und trotzdem zu bleiben. Zu wissen, dass ich gelebt habe, weil ich gefühlt habe und dass ich gelebt habe trotz meinen Gefühlen. Das ist stark.

    Lange Zeit verglich ich nichts zu fühlen mit Selbstschutz. Aber in Wahrheit habe ich mir die Freude genommen. Und ich konnte den Schmerz viel schlechter verarbeiten.
    Ich bin noch ganz am Anfang. Aber ich lerne. Für mich ist es wichtig, alles zu fühlen und trotzdem oder genau deshalb weich zu bleiben. Ich lerne, dass Weinen mich nicht kleiner macht. Sondern menschlicher. Big Girls Cry. Nicht weil wir zerbrechen, sondern weil wir fühlen.

  • SPREAD LOVE

    SPREAD LOVE

    Der Begriff «Spread Love» wurde stark durch die Hippie-Bewegung der 60er/70er geprägt, eine Bewegung gegen Gewalt und Krieg. Später wurde er ein Pop- und Social-Media-Slogan und wird oft als Hashtag genutzt. Ja, auch meine Social-Media und mein Blog sind nach diesem Slogan benannt. Doch für mich ist dieser Satz alles andere als leicht, im Gegenteil, er trägt grosses Gewicht in meiner persönlichen Moral und somit bestimmt er unter anderem die Art, wie ich mein Leben führen will. «Spread Love» ist einer meiner persönlichen Werte.

    Als ich die Kantonsschule besuchte im Alter von etwa sechszehn Jahren, war ich in einem Freundeskreis mit anderen, gleichaltrigen Mädchen. Sie besuchten dieselbe Schule wie ich, waren jedoch nicht in meiner Klasse. Viele von ihnen kannte ich schon aus der Sekundarschule in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin.
    Ich erinnere mich nicht unbedingt gerne an diese Freundschaften zurück, da sie für mich oberflächlich im Gefühl blieben. Wir gingen zusammen in den Ausgang, wo wir dann meistens die Jungs aus unserem Jahrgang trafen und übernachteten anschliessend auch oft beieinander in einer kleinen Gruppe. Das Thema Jungs war zu dieser Zeit immer präsent und machte einen riesigen Teil unserer Gespräche. Ansonsten kann ich mich erinnern, dass ich allgemein kein grosses Vertrauen in diese Freundinnen hatte und wie es in diesem Kreis normal war, dass jede über jede etwas zu sagen hatte (vor allem wenn diejenige nicht dabei war) und wie sich ständig in das Leben aller der Gruppe eingemischt wurde.
    In diesem Alter hatte ich bereits einen Account auf Instagram. Es war die Zeit in meinem Leben, in der ich meine Liebe zur Hiphop- und Rapmusik entdeckte. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich und den Songtexten von Oldschool-Liedern zuzuhören war für mich eine Art abschalten zu können. Da schnappte ich das erste Mal die Worte «Spread the Love» auf und trage sie bis heute in meinem Kopf und Herzen. So kam es, dass ich sie in die Biografie von meinem damaligen Instagram-Account schrieb.
    Eines Tages an einem Wochenende, waren wir bei einer Freundin zuhause und machten uns bereit für den Ausgang. Da machte sich ein Mädchen lustig über meine Insta-Bio und sagte in einem lächerlichen Unterton: «Spread the Love! Ja genau, spreade und verteile sie einfach so allen in der Welt!» Sie meinte es zynisch und machte klar, dass Liebe für sie etwas war, mit dem man sparsam umging und dass man darauf achten sollte, wann und wem man sie gab.
    Als meine damalige Freundin das zu mir sagte, dachte ich mir nur so: Ja. Genau darum geht es! Damals wurde mir klar, dass wir ein völlig anderes Verständnis von Liebe hatten.

    Für mich hat Liebe zu verbreiten nichts mit romantischer Liebe zu tun. Für mich heisst Liebe zu verbreiten nicht, dass man sich immer fügen und zu allen in jeder Situation nett sein muss. Grenzen setzen ist manchmal auch Liebe, wenn auch nur die Liebe zu sich selbst. Liebe beginnt immer bei mir selbst. Für mich heisst Liebe präsent zu sein. Für mich ist es nicht nur was ich tue, sondern was ich (innerlich) bin. Es beginnt immer in mir drin. Liebe ist eine Einstellung. Wie behandle ich die Menschen in meinem Leben? Wie behandle ich die Menschen, die nichts für mich tun können? Wie spreche ich mit ihnen? Wie bin ich zu mir selbst? Liebe kann man nie genug geben, nur zu wenig. Und sie kommt zurück, immer. Die Liebe ist eine unendlich grosse Ressource, die Zusammenhalt, Mitgefühl, Freundlichkeit und positive Energie fördert. Liebe ist für mich keine Schwäche, sondern eine bewusste Entscheidung.

    Es macht mir und allen Menschen, denen ich begegne, das Leben schöner, wenn ich liebevoll bin, ganz egal ob zu meinem Partner, meinen Geschwistern oder zur Kassiererin in der Migros. Für mich braucht Liebe keine lauten Gesten, oft sind es sogar die winzigen, atomischen Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Ein Lächeln da, ein Offenes Ohr dort. Unvoreingenommen auf Leute zugehen, den Personen zuhören, die leiden. Wenn ich mich für mein Gegenüber freue. Wenn ich jemandem ein ehrliches, ernst gemeintes Kompliment mache. Zusammen tanzen, sich konstruktiv unterhalten und Haltung zeigen. Ich durfte in meinem eigenen Leben erfahren, was ein Dableiben verändern kann. Wie es mich als Mensch gestärkt hat, als Person geliebt zu werden und wie sehr ich mir das für jedes Wesen dieser Erde wünsche. Spread Love!