Kategorie: BODY

  • SHIT HAPPENS

    SHIT HAPPENS

    Über einen Monat war ich abstinent. Doch ich griff ich wieder zum Konsum. Danach dachte ich mir kurz: «Ich war doch schon weiter». Vor dem Ereignis hatte ich gedacht, dass ich an einen Punkt gekommen sei, an dem ich für immer clean sein würde. Doch dann, stand ich wieder genau dort, wo ich schon war. Oder doch nicht? War ich trotz diesem Ereignis weitergekommen?
    Ich denke, dass es keinen Sinn macht mir zu viele Vorwürfe zu machen. Nur um am Ende vor Enttäuschung alles aufzugeben und wieder komplett in alte Muster zu fallen. Ich darf kurz enttäuscht sein. Ich darf es bereuen. Aber danach richte ich meine Energie wieder darauf, wie es weitergeht. Es kostet mich manchmal viel Kraft, aber ich bleibe dran.

    So ein Vorfall ist kein Rückfall, sondern ein Rückschritt – Teil des Prozesses. Ein Moment in dem ich gerne: «Shit Happens», sage. Das bedeutet so viel wie «Kann passieren» oder «So ist das Leben». Wenn Scheisse passiert, ist das uncool, ja. Mag sein, dass ich nicht erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte. Trotzdem stehe ich nicht mehr am selben Punkt wie früher. Denn ich habe echt viel gelernt in meiner Abstinenz. Und Fehler passieren nun mal. Das ist menschlich. Das Wichtigste für mich ist nicht, wie ich alle Fehler vermeiden kann. Viel wichtiger ist es, wie ich mit ihnen umgehe. Wie ich nach so einem Unglück weitermache. Weitergehe in die Richtung, die mir guttut.
    Ich finde, ein Rückschritt bedeutet nicht, dass ich scheitere. Es ist vielmehr ein Beweis dafür, dass ich es versuche. Und allein dieser Gedanke zeigt mir: Ich bin schon weiter, als ich es war. Als ich das erste Mal in dieser Situation war, hatte ich ganz andere Gedanken. Ich fühlte so grosse Schuld und Scham, dass ich der Einbildung war, dass es jetzt sowieso nicht mehr darauf ankäme. Dass ich jetzt gleich wieder dem Konsum verfallen könne, jetzt wo alles verloren zu sein schien. Das war kontraproduktiv.
    Heute weiss ich, dass ich weitermachen will. Weiterprobieren. Wiederaufstehen. Und wieder. Ich habe gelernt, dass der Weg nicht linear ist. Auch in mir drin.

    Es gab eine Zeit, in der mein Konsum durchaus seinen Nutzen hatte: er liess mich vergessen traurig zu sein. Das half mir zu dieser Zeit, als Kind und Jugendliche, zu funktionieren. Weil ich als junges Mädchen Dinge erlebte, die mir grossen Schmerz zubereiteten. Mein Konsum war einmal wie ein Werkzeug für mich – aber nie eine Lösung für das, was darunter lag. 

    Wenn ich einen Rückschritt erlebe, ist das immer schwierig für mich. Dann kommt dieses Gefühl, dass ich es schon wieder nicht hingekriegt habe. Das ist mir peinlich und ich habe das Gefühl, dass ich so nicht lernen kann, mein Potenzial zu nutzen. Ich habe Angst, andere enttäuscht zu haben: Meine Liebsten.

    Ich lerne weniger streng zu mir zu sein, um vorwärts zu kommen. 
    Natürlich ist sehr wichtig, dass ich mich nicht gehen lasse. Und es hat ganz sicher einen Einfluss auf mein Leben, meine Gesundheit und mein Glück, ob ich konsumiere oder nicht. Aber es bringt nichts, wenn ich nach einem solchen Vorfall einfach aufgebe. Selbstdisziplin ≠ Selbstbestrafung. Das mit der Selbstbestrafung habe ich bereits versucht. Es hat nichts gebracht. Ich steigerte mich völlig ins Negative rein und zog mich selbst runter damit. Bis mir alles egal wurde, weil ich dachte, ich sei ein hoffnungsloser Fall. Und gefährlich wurde es eigentlich erst da: Als ich einfach liegen blieb, und nicht versuchte aufzustehen, nach dem Hinfallen. «Shit Happens», das gehört zum Leben. Klar, macht es mir jedes Mal ein wenig Angst, einen Rückschritt zu erleben. Aber mir wird mit jedem Mal, wo das passiert auch bewusster, das Aufgeben nicht der Richtige Weg ist. Denn Aufgeben macht alles noch viel schlimmer. Das bringt niemandem etwas, schon gar nicht mir selbst. 

    Es ist mir ein Anliegen, dass ich lerne mich selbst würdevoll zu behandeln. Auch wenn ich einen Fehler gemacht habe. Dann ist es mir wichtig, dass ich möglichst viel daraus lerne. Dafür muss ich lösungsorientiert über das Geschehene nachdenken. Auch wenn eine Erkenntnis ist, dass ich vielleicht noch nicht da bin, wo ich sein will. Aber ich lerne. Und ich merke, dass ich effektiver werde. Denn ich stehe bei jedem Rückschritt schneller auf. Und ich habe mit jedem Mal, wo ich versage, mehr Mitgefühl für mich. Das allein ist ein kleiner Erfolg auf meinem Weg. 

    Ich bin nicht die Fehler, die ich mache. Meine Reaktion auf die gemachten Fehler definieren, wer ich bin. Und wer ich sein möchte.


    Ich will jemand sein, der ehrlich ist. Nicht perfekt. Aber echt. Ich will weiterkommen. Ich will mich kennenlernen und mich verstehen lernen. Ich will eine gesunde und gute Beziehung zu mir und anderen anstreben. Auch wenn Sucht etwas ist, das ich nie komplett kontrollieren werden kann, will ich Verantwortung übernehmen.

    Ich bin mir sicher, Rückschritte sind kein Identitätsbeweis. Sie sind Hinweise. Sie zeigen mir, wo mein Schmerz sitzt. Oder wann es mir nicht gut geht. Woran ich noch arbeiten kann. Was mögliche Trigger für mich sind. Welche Menschen mir guttun. Welche nicht.

    Ein Rückschritt ist eine Information und nicht ein Urteil.  

    Ich mache manchmal einen Rückschritt. Aber das bedeutet nicht, dass ich rückwärts herum gehe. Ich sehe sie mehr als Sternschritte in eine alte Richtung. Und dann gehe ich mit neuem Schwung wieder vorwärts. Und das tue ich. Ich gehe vorwärts. Und wenn ich wieder ein Stückchen weitergekommen bin, dann war alles nicht umsonst.
    Fehler passieren und sie gehören zu uns Menschen. Menschsein ist Menschsein. Rückschritte passieren, sie gehören zum Leben. Klar, tuen mir solche (selbstverschuldeten) Erlebnisse weh. Aber ich bin noch hier. Und ich fahre mit der Selbstfürsorge fort. Ich gehe meinen Weg weiter, hin zu einem angenehmeren Leben.

    Heilung ist nicht perfekt. Es werden immer wieder Hindernisse auf mich zukommen. Ich bin mir meine alten Coping-Strategien, meine alten Muster, mein altes Leben so gewohnt. Es wird immer verlockend bleiben, das Gewohnte zu tun. Auch wenn es mir auf längere Sicht nicht guttut.
    Veränderung ist anstrengend. Aber ich darf langsam sein. Das ist okay. Weil wenn ich mein Leben betrachte, weiss ich, dass ich schon weit gekommen bin. Ich bin gewachsen. Mit und durch meine Rückschritte.

  • BIG GIRLS CRY

    BIG GIRLS CRY

    War es Leere?
    Ich habe lange Zeit nicht geweint. Ich glaube, dass das daran lag, dass ich Angst hatte. Ich hatte Angst davor, was passieren würde, wenn ich Emotionen wie Trauer zulasse. Die Vorstellung vom traurig sein machte mir solche Angst, dass ich mich ab irgendeinem Zeitpunkt ganz automatisch ablenkte, wenn auch nur die kleinste Trauer in mir hochkam. Ob diese Ablenkung mit Konsum, Shopping, Casino oder Social-Media zu tun hatte, war dann ganz egal. Hauptsache war, dass ich es sofort tun konnte, dass es mir möglichst viele Glücksgefühle gab und dass ich dabei all meine Sorgen vergass, meinen Kopf förmlich abstellen konnte dabei.
    Ich weiss ehrlichgesagt nicht, wann ich damit anfing, solche grosse Angst vor Gefühlen zu haben. Was ich auch nicht weiss, ist wieso dieses Szenario so unvorstellbar für mich war: Einen Abend nachhause kommen und traurig sein. Trotzdem selbstfürsorgerisch zu handeln und vielleicht am Abend noch zu weinen, bis ich einschlafe. Es ist für mich selbst schwer zu verstehen. Und es brauchte einiges, bis mir überhaupt bewusstwurde, dass der Umgang mit manchen Emotionen für mich so schwierig ist.
    Mit der Zeit fühlte sich dann alles stumpf an. Ich gab der Trauer schlicht keinen Platz obwohl sie mich doch so dringend fühlen hätte lassen müssen. Ich drängte die Trauer weg von mir in den hinterletzten Ecken. Es war sehr spät, als sich als Konsequenz davon etwas ganz Neues zeigte.
    Ich erinnere mich, wie ich viele Abende, sehr viele, einfach so auf meinem Bett sass. Ohnmächtig und ich wusste wirklich nicht, wie ich daraus rausbrechen konnte. Ich wusste nicht was ich als nächstes tun sollte. Wie ich aufstehen konnte und mir Abendessen zubereiten sollte. Oder etwas malen oder etwas schreiben sollte. Dinge, die ich mein Leben lang geliebt habe. An den guten Tagen habe ich es geschafft, einem guten Freund anzurufen. Ja, es war ein Versuch mir zu helfen. Doch diese Telefonate dauerten stundenlang und waren gefüllt von ihm, wie er mir gut zu redete, mir immer wieder Mut machte und mich auf meine Fähigkeiten hinwies. Und mir, wie ich immer noch Mals fragte, was ich nun tun könnte und ob er echt denke, dass alles wieder gut komme. Auch wenn ich zutiefst dankbar dafür bin, einen Menschen zu kennen, dem ich Tag und Nacht anrufen kann, muss ich mir auch eingestehen, dass auch Trost eine Form von Ablenkung sein kann, wenn man nicht an den Kern geht. 
    Ich glaube auch, dass wenn man die Trauer jahrelang wegdrückt, sie grösser wird. So gross, dass sie sich wie ein Schleier über meine Abende zog und mich entweder stundelang an die Decke oder ins Iphone starren liess ohne Kraft auch nur aufzustehen und aufs WC zu gehen. Oder dass sie sich so unaushaltbar anfühlte, dass ich mich gezwungen sah, auf der Stelle etwas zu tun, dass mir einen so grossen Dopamin-Kick wie möglich gab. Es fühlte sich an wie eine fürchterliche Abwärtsspirale, mit deren Muster ich auch heute noch zu kämpfen habe, wenn ich nicht achtsam auf mich, meine Selbstfürsorge, und vor allem auch meine Schlafhygiene achte.

    Für mich ist es verrückt, wie Gefühle objektiv so viel Sinn ergeben und subjektiv so schwierig sein können. Ich habe etwas im letzten halben Jahr gelernt: Jedes Gefühl erfüllt seine sehr wichtige Aufgabe. Genauso, wie die Freude verbindet, zeigt Wut Grenzen. Die Angst soll mich schützten, während Scham Zugehörigkeit regulieren kann. Mit der Trauer verarbeite ich Verlust. Gefühle sind nicht gefährlich. Sie sind Information.
    In den letzten Wochen habe ich viel geweint. Ich weiss noch genau wie das begann. Die ersten Male, als ich spürte, dass ich traurig war und es zuliess. Am Anfang kamen dann nur ein paar einzelne Tränen. Mit der Zeit konnte ich richtig schluchzen. Oft leide ich abends an Gedankenkreisen. Ich grüble über alles nach und mache mir Sorgen, die es eigentlich nicht geben sollte. Ich habe gemerkt, dass diese Gedanken leiser werden, wenn ich weine. Ich komme vom Kopf zurück in den Körper und ersetze meine Gefühle nicht einfach mit Gedanken. Nach dem Weinen fühlt sich mein Körper warm an und wohlig. Ich fühle mich verbunden und bin müde. Ich kann besser einschlafen, wenn ich geweint habe. In der Therapie ist mir beigebracht worden, dass das Weinen ein menschliches Ventil ist, dass es tatsächlich etwas reguliert. Dass wir Menschen dazu gemacht sind zu weinen im Umgang mit Schmerz oder Herzschmerz. In den Wochen, in denen ich weine, fühle ich mich meistens stabiler und habe besseren Schlaf. Ausserdem empfinde ich die Zeit der Trauer und den «negativen» Gefühlen als viel kürzer, wenn ich sie zulasse und habe das Gefühl sogar mehr Freude zu spüren am nächsten Tag. Auch dies ist eine Erkenntnis, die mir Ruhe gibt.

    Am meisten Angst habe ich vor der Trauer. Das mag daran liegen, dass ich nie einen gesunden Umgang mit diesem Gefühl gelernt habe. Wahrscheinlich, weil ich als Kind im Übermass damit konfrontiert wurde und ich gelernt habe, dass Trauer etwas Schlimmes ist, etwas das in ganz frühen Jahren meine Existenz hätte aufs Spiel setzten können. Auch mit der Ohnmacht kann ich nur schwer umgehen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob dies ein Gefühl ist, das helfen kann, auch wenn sie sicher für etwas steht. In meinem Fall ist die Ohnmacht so eine Art Warnzeichen. Wenn sie kommt, dann ist das mit Sicherheit ein Signal dafür, dass ich schleunigst auf mich achten muss. Auch zur Wut habe ich ein unausgeglichenes Verhältnis. Ich denke, dass das auch aus der Kindheit kommt. Ich habe keinen gesunden Umgang mit der Wut gelernt und war ihr oft ausgeliefert. In einem Masse, in dem sie alles andere als konstruktiv war. Ich finde sie so unangenehm, ich glaube das ist so weil ich auch sie oft in die Ecke dränge. Und wenn ich sie dann Mal fühle, kommt sie so unkontrolliert und ich sage und mache Sachen, die ich bereue, wenn ich mich beruhige. Ich hätte gerne einen reifen Zugang zu meiner Wut. Es wäre sicher gut, wenn sie schneller kommen könnte und dafür so, dass sie nicht alles kaputt zu machen versucht. Scham fühle ich leider oft. Manchmal überspiele ich sie, dann holt sie mich wieder ein. In Momenten in denen ich allein bin. Und dann übernimmt sie mich und bleibt stundenlang. Ich merke, dass ich ihr weniger Platz geben will. Sie tut mir nicht immer gut.

    Früher hatte ich so ein Bild verinnerlicht. Frau ist stark, wenn Frau Haltung bewahrt. Wenn sie nichts klein kriegen lässt und sie ihre Emotionen «unter Kontrolle» hat. Wenn sie von ihren Gedanken und nicht von ihren Gefühlen geleitet ist. Ein schöner Gedanke, der sich für mich unmöglich leben lässt. Und dessen Romantisierung meine Abgestumpftheit wohl mitradikalisierte.
    Heute weiss ich für mich, dass es stark ist zu fühlen. Fühlen und trotzdem zu bleiben. Zu wissen, dass ich gelebt habe, weil ich gefühlt habe und dass ich gelebt habe trotz meinen Gefühlen. Das ist stark.

    Lange Zeit verglich ich nichts zu fühlen mit Selbstschutz. Aber in Wahrheit habe ich mir die Freude genommen. Und ich konnte den Schmerz viel schlechter verarbeiten.
    Ich bin noch ganz am Anfang. Aber ich lerne. Für mich ist es wichtig, alles zu fühlen und trotzdem oder genau deshalb weich zu bleiben. Ich lerne, dass Weinen mich nicht kleiner macht. Sondern menschlicher. Big Girls Cry. Nicht weil wir zerbrechen, sondern weil wir fühlen.

  • STAY SOFT

    STAY SOFT

    Im späten Teenie-Alter war ich eine sehr ängstliche Person. Oft fühlte ich mich missverstanden und ich hatte wenig Vertrauen. Wegen krankheitsbedingten Gründen und wegen schweren Ereignissen, die ich nicht richtig verarbeitet hatte, traute ich den Leuten in meinem Umfeld nicht wirklich. Ich traute nahestehenden Personen wie auch meinen Ärzt*innen kaum, geschweige denn, Mitschüler*innen oder der Gesellschaft an sich. Meine Psyche war sehr instabil. Ich konnte weder den Druck der Schule oder mein tägliches Leiden noch die Negativität dieser gewaltsamen, kalten Welt ertragen. Im Gegenzug zu schwierigen Situationen, begann ich einen eigenen, trotzigen Hass auf alles und die Welt zu entwickeln. Dieser Hass liess mich ein bisschen kaputt gehen.

    Als ich ein paar Jahre später eine neue Therapeutin hatte, zu der ich erstmals etwas wie Vertrauen aufbauen konnte, löste sich dieser Hass Stückchen um Stückchen. Sie gab mir dafür Zeit. Es brauchte einige Jahre, um ein Teil meiner Angst loszuwerden. Schritt für Schritt kämpfte ich mich zurück ins Leben. Oder sagen wir ich fing an, mir ein lebenswertes Leben aufzubauen. Schon sehr früh waren die Umstände nicht gerade ideal gewesen. Diese Umstände waren grössten Teils nicht meine Schuld, dass weiss ich mittlerweile. Dennoch bildete sich daraus eine negative Einstellung und das lag in meiner eigenen Verantwortung.
    Mein Weg wurde mit der Zeit einfacher. Mit jedem Schritt, bei dem ich an mir arbeitete, öffnete sich eine neue Tür und mein Leben fühlte sich insgesamt immer angenehmer an.
    Diese Arbeit an mir selbst beinhaltete, wieder weich zu werden. Das Ziel war ein sanfterer Umgang mit mir selbst, im praktischen wie emotionalen Sinn. Egal, ob es um Schlafhygiene, bewussteres Denken, Ernährung, Alltag oder später dann auch Abstinenz ging. Eine liebevolle Haltung zu erarbeiten, zu mir selbst wie zu anderen. Meine damalige Therapeutin nannte diese Arbeit für ein besseres Leben, Arbeit an meiner Selbstfürsorge. Und nur wer für sich selbst sorgen kann, kann auch für andere Wesen da sein.

    So verging die Zeit und die Arbeit wurde nicht weniger. Aber sie fing an, sich auszuzahlen. Und ich wurde besser darin. Irgendwann begriff ich, dass ich nicht hart werden darf. Es war nicht fair, meiner Familie, meiner Therapeutin und allen Menschen, denen etwas an mir liegt, gegenüber. Aber auch, und das finde ich fast am wichtigsten, mir selbst gegenüber. Ich schuldete es mir, es wenigstens zu probieren. Ich bin nicht schuld an den Dingen, die mir passiert sind, je kleiner ich war, desto weniger Schuld trug ich. Für mein Glück, meine Genesung und Wohlbefinden bin ich jedoch verantwortlich. Ich bin jetzt ein erwachsener Mensch, ich entscheide welche Energie ich der Welt beifüge und wie ich mich behandle.

    Weich zu bleiben, heisst für mich nicht, dass man in jedem Moment alles richtig denkt, sagt oder tut. Für mich hat es aber viel mit Reflektion zu tun. Denn nur wenn ich meine Intensionen und meine Handlungen überdenke, kann ich es in der nächsten Situation besser machen. Und ich will es gut machen, ich glaube auch darum geht es in der Weichheit für mich. Ich darf nicht zulassen, dass das Schlechte dieser Welt mich bitter, hasserfüllt oder unmenschlich macht.

    Es heisst für mich, dass ich Selbstliebe praktizieren muss, so gut es geht. Auch wenn zum Beispiel mein Aussehen nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht oder meine zappelige Art bei gewissen Leuten aneckt. Es heisst auch, dass ich zärtlich sein will, zu den Menschen, die ich liebe. Und feinfühlig, mit allen Personen und Tieren, denen ich begegne. Dass ich die Menschen in meinem Umfeld auch dazu ermutige und sensibilisiere und dass ich auch in schlechten Zeiten versuche, meinen Fokus auf das Gute zu richten. Ich will mir Mühe geben, offen zu sein, auch den Personen gegenüber, die einen anderen Blickwinkel haben. Weil sie kulturell, familiär, geografisch, interessenbezogen, emotional oder rein körperlich anders sind als ich es bin. Denn andere Menschen haben andere Fähigkeiten. Und das ist wichtig.

    Ich finde es notwendig, dass wir empathisch sind. Dass wir für uns einstehen. Dass wir für andere einstehen, wenn wir Kraft genug haben. Dass wir uns Mühe geben und einander richtig zuhören. Wir müssen nicht alles verstehen, aber wir sollten es versuchen.
    Wir sollten mit und durch Liebe handeln und Mitgefühl pflegen. In so einer Welt und neben solchen Menschen möchte ich leben.
    Für mich ist Verletzlichkeit eine Stärke. Wenn man weich bleibt statt zu verhärten.