Autor: Leonie Katy Mitondo Kayiji

  • SHIT HAPPENS

    SHIT HAPPENS

    Über einen Monat war ich abstinent. Doch ich griff ich wieder zum Konsum. Danach dachte ich mir kurz: «Ich war doch schon weiter». Vor dem Ereignis hatte ich gedacht, dass ich an einen Punkt gekommen sei, an dem ich für immer clean sein würde. Doch dann, stand ich wieder genau dort, wo ich schon war. Oder doch nicht? War ich trotz diesem Ereignis weitergekommen?
    Ich denke, dass es keinen Sinn macht mir zu viele Vorwürfe zu machen. Nur um am Ende vor Enttäuschung alles aufzugeben und wieder komplett in alte Muster zu fallen. Ich darf kurz enttäuscht sein. Ich darf es bereuen. Aber danach richte ich meine Energie wieder darauf, wie es weitergeht. Es kostet mich manchmal viel Kraft, aber ich bleibe dran.

    So ein Vorfall ist kein Rückfall, sondern ein Rückschritt – Teil des Prozesses. Ein Moment in dem ich gerne: «Shit Happens», sage. Das bedeutet so viel wie «Kann passieren» oder «So ist das Leben». Wenn Scheisse passiert, ist das uncool, ja. Mag sein, dass ich nicht erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte. Trotzdem stehe ich nicht mehr am selben Punkt wie früher. Denn ich habe echt viel gelernt in meiner Abstinenz. Und Fehler passieren nun mal. Das ist menschlich. Das Wichtigste für mich ist nicht, wie ich alle Fehler vermeiden kann. Viel wichtiger ist es, wie ich mit ihnen umgehe. Wie ich nach so einem Unglück weitermache. Weitergehe in die Richtung, die mir guttut.
    Ich finde, ein Rückschritt bedeutet nicht, dass ich scheitere. Es ist vielmehr ein Beweis dafür, dass ich es versuche. Und allein dieser Gedanke zeigt mir: Ich bin schon weiter, als ich es war. Als ich das erste Mal in dieser Situation war, hatte ich ganz andere Gedanken. Ich fühlte so grosse Schuld und Scham, dass ich der Einbildung war, dass es jetzt sowieso nicht mehr darauf ankäme. Dass ich jetzt gleich wieder dem Konsum verfallen könne, jetzt wo alles verloren zu sein schien. Das war kontraproduktiv.
    Heute weiss ich, dass ich weitermachen will. Weiterprobieren. Wiederaufstehen. Und wieder. Ich habe gelernt, dass der Weg nicht linear ist. Auch in mir drin.

    Es gab eine Zeit, in der mein Konsum durchaus seinen Nutzen hatte: er liess mich vergessen traurig zu sein. Das half mir zu dieser Zeit, als Kind und Jugendliche, zu funktionieren. Weil ich als junges Mädchen Dinge erlebte, die mir grossen Schmerz zubereiteten. Mein Konsum war einmal wie ein Werkzeug für mich – aber nie eine Lösung für das, was darunter lag. 

    Wenn ich einen Rückschritt erlebe, ist das immer schwierig für mich. Dann kommt dieses Gefühl, dass ich es schon wieder nicht hingekriegt habe. Das ist mir peinlich und ich habe das Gefühl, dass ich so nicht lernen kann, mein Potenzial zu nutzen. Ich habe Angst, andere enttäuscht zu haben: Meine Liebsten.

    Ich lerne weniger streng zu mir zu sein, um vorwärts zu kommen. 
    Natürlich ist sehr wichtig, dass ich mich nicht gehen lasse. Und es hat ganz sicher einen Einfluss auf mein Leben, meine Gesundheit und mein Glück, ob ich konsumiere oder nicht. Aber es bringt nichts, wenn ich nach einem solchen Vorfall einfach aufgebe. Selbstdisziplin ≠ Selbstbestrafung. Das mit der Selbstbestrafung habe ich bereits versucht. Es hat nichts gebracht. Ich steigerte mich völlig ins Negative rein und zog mich selbst runter damit. Bis mir alles egal wurde, weil ich dachte, ich sei ein hoffnungsloser Fall. Und gefährlich wurde es eigentlich erst da: Als ich einfach liegen blieb, und nicht versuchte aufzustehen, nach dem Hinfallen. «Shit Happens», das gehört zum Leben. Klar, macht es mir jedes Mal ein wenig Angst, einen Rückschritt zu erleben. Aber mir wird mit jedem Mal, wo das passiert auch bewusster, das Aufgeben nicht der Richtige Weg ist. Denn Aufgeben macht alles noch viel schlimmer. Das bringt niemandem etwas, schon gar nicht mir selbst. 

    Es ist mir ein Anliegen, dass ich lerne mich selbst würdevoll zu behandeln. Auch wenn ich einen Fehler gemacht habe. Dann ist es mir wichtig, dass ich möglichst viel daraus lerne. Dafür muss ich lösungsorientiert über das Geschehene nachdenken. Auch wenn eine Erkenntnis ist, dass ich vielleicht noch nicht da bin, wo ich sein will. Aber ich lerne. Und ich merke, dass ich effektiver werde. Denn ich stehe bei jedem Rückschritt schneller auf. Und ich habe mit jedem Mal, wo ich versage, mehr Mitgefühl für mich. Das allein ist ein kleiner Erfolg auf meinem Weg. 

    Ich bin nicht die Fehler, die ich mache. Meine Reaktion auf die gemachten Fehler definieren, wer ich bin. Und wer ich sein möchte.


    Ich will jemand sein, der ehrlich ist. Nicht perfekt. Aber echt. Ich will weiterkommen. Ich will mich kennenlernen und mich verstehen lernen. Ich will eine gesunde und gute Beziehung zu mir und anderen anstreben. Auch wenn Sucht etwas ist, das ich nie komplett kontrollieren werden kann, will ich Verantwortung übernehmen.

    Ich bin mir sicher, Rückschritte sind kein Identitätsbeweis. Sie sind Hinweise. Sie zeigen mir, wo mein Schmerz sitzt. Oder wann es mir nicht gut geht. Woran ich noch arbeiten kann. Was mögliche Trigger für mich sind. Welche Menschen mir guttun. Welche nicht.

    Ein Rückschritt ist eine Information und nicht ein Urteil.  

    Ich mache manchmal einen Rückschritt. Aber das bedeutet nicht, dass ich rückwärts herum gehe. Ich sehe sie mehr als Sternschritte in eine alte Richtung. Und dann gehe ich mit neuem Schwung wieder vorwärts. Und das tue ich. Ich gehe vorwärts. Und wenn ich wieder ein Stückchen weitergekommen bin, dann war alles nicht umsonst.
    Fehler passieren und sie gehören zu uns Menschen. Menschsein ist Menschsein. Rückschritte passieren, sie gehören zum Leben. Klar, tuen mir solche (selbstverschuldeten) Erlebnisse weh. Aber ich bin noch hier. Und ich fahre mit der Selbstfürsorge fort. Ich gehe meinen Weg weiter, hin zu einem angenehmeren Leben.

    Heilung ist nicht perfekt. Es werden immer wieder Hindernisse auf mich zukommen. Ich bin mir meine alten Coping-Strategien, meine alten Muster, mein altes Leben so gewohnt. Es wird immer verlockend bleiben, das Gewohnte zu tun. Auch wenn es mir auf längere Sicht nicht guttut.
    Veränderung ist anstrengend. Aber ich darf langsam sein. Das ist okay. Weil wenn ich mein Leben betrachte, weiss ich, dass ich schon weit gekommen bin. Ich bin gewachsen. Mit und durch meine Rückschritte.

  • BIG GIRLS CRY

    BIG GIRLS CRY

    War es Leere?
    Ich habe lange Zeit nicht geweint. Ich glaube, dass das daran lag, dass ich Angst hatte. Ich hatte Angst davor, was passieren würde, wenn ich Emotionen wie Trauer zulasse. Die Vorstellung vom traurig sein machte mir solche Angst, dass ich mich ab irgendeinem Zeitpunkt ganz automatisch ablenkte, wenn auch nur die kleinste Trauer in mir hochkam. Ob diese Ablenkung mit Konsum, Shopping, Casino oder Social-Media zu tun hatte, war dann ganz egal. Hauptsache war, dass ich es sofort tun konnte, dass es mir möglichst viele Glücksgefühle gab und dass ich dabei all meine Sorgen vergass, meinen Kopf förmlich abstellen konnte dabei.
    Ich weiss ehrlichgesagt nicht, wann ich damit anfing, solche grosse Angst vor Gefühlen zu haben. Was ich auch nicht weiss, ist wieso dieses Szenario so unvorstellbar für mich war: Einen Abend nachhause kommen und traurig sein. Trotzdem selbstfürsorgerisch zu handeln und vielleicht am Abend noch zu weinen, bis ich einschlafe. Es ist für mich selbst schwer zu verstehen. Und es brauchte einiges, bis mir überhaupt bewusstwurde, dass der Umgang mit manchen Emotionen für mich so schwierig ist.
    Mit der Zeit fühlte sich dann alles stumpf an. Ich gab der Trauer schlicht keinen Platz obwohl sie mich doch so dringend fühlen hätte lassen müssen. Ich drängte die Trauer weg von mir in den hinterletzten Ecken. Es war sehr spät, als sich als Konsequenz davon etwas ganz Neues zeigte.
    Ich erinnere mich, wie ich viele Abende, sehr viele, einfach so auf meinem Bett sass. Ohnmächtig und ich wusste wirklich nicht, wie ich daraus rausbrechen konnte. Ich wusste nicht was ich als nächstes tun sollte. Wie ich aufstehen konnte und mir Abendessen zubereiten sollte. Oder etwas malen oder etwas schreiben sollte. Dinge, die ich mein Leben lang geliebt habe. An den guten Tagen habe ich es geschafft, einem guten Freund anzurufen. Ja, es war ein Versuch mir zu helfen. Doch diese Telefonate dauerten stundenlang und waren gefüllt von ihm, wie er mir gut zu redete, mir immer wieder Mut machte und mich auf meine Fähigkeiten hinwies. Und mir, wie ich immer noch Mals fragte, was ich nun tun könnte und ob er echt denke, dass alles wieder gut komme. Auch wenn ich zutiefst dankbar dafür bin, einen Menschen zu kennen, dem ich Tag und Nacht anrufen kann, muss ich mir auch eingestehen, dass auch Trost eine Form von Ablenkung sein kann, wenn man nicht an den Kern geht. 
    Ich glaube auch, dass wenn man die Trauer jahrelang wegdrückt, sie grösser wird. So gross, dass sie sich wie ein Schleier über meine Abende zog und mich entweder stundelang an die Decke oder ins Iphone starren liess ohne Kraft auch nur aufzustehen und aufs WC zu gehen. Oder dass sie sich so unaushaltbar anfühlte, dass ich mich gezwungen sah, auf der Stelle etwas zu tun, dass mir einen so grossen Dopamin-Kick wie möglich gab. Es fühlte sich an wie eine fürchterliche Abwärtsspirale, mit deren Muster ich auch heute noch zu kämpfen habe, wenn ich nicht achtsam auf mich, meine Selbstfürsorge, und vor allem auch meine Schlafhygiene achte.

    Für mich ist es verrückt, wie Gefühle objektiv so viel Sinn ergeben und subjektiv so schwierig sein können. Ich habe etwas im letzten halben Jahr gelernt: Jedes Gefühl erfüllt seine sehr wichtige Aufgabe. Genauso, wie die Freude verbindet, zeigt Wut Grenzen. Die Angst soll mich schützten, während Scham Zugehörigkeit regulieren kann. Mit der Trauer verarbeite ich Verlust. Gefühle sind nicht gefährlich. Sie sind Information.
    In den letzten Wochen habe ich viel geweint. Ich weiss noch genau wie das begann. Die ersten Male, als ich spürte, dass ich traurig war und es zuliess. Am Anfang kamen dann nur ein paar einzelne Tränen. Mit der Zeit konnte ich richtig schluchzen. Oft leide ich abends an Gedankenkreisen. Ich grüble über alles nach und mache mir Sorgen, die es eigentlich nicht geben sollte. Ich habe gemerkt, dass diese Gedanken leiser werden, wenn ich weine. Ich komme vom Kopf zurück in den Körper und ersetze meine Gefühle nicht einfach mit Gedanken. Nach dem Weinen fühlt sich mein Körper warm an und wohlig. Ich fühle mich verbunden und bin müde. Ich kann besser einschlafen, wenn ich geweint habe. In der Therapie ist mir beigebracht worden, dass das Weinen ein menschliches Ventil ist, dass es tatsächlich etwas reguliert. Dass wir Menschen dazu gemacht sind zu weinen im Umgang mit Schmerz oder Herzschmerz. In den Wochen, in denen ich weine, fühle ich mich meistens stabiler und habe besseren Schlaf. Ausserdem empfinde ich die Zeit der Trauer und den «negativen» Gefühlen als viel kürzer, wenn ich sie zulasse und habe das Gefühl sogar mehr Freude zu spüren am nächsten Tag. Auch dies ist eine Erkenntnis, die mir Ruhe gibt.

    Am meisten Angst habe ich vor der Trauer. Das mag daran liegen, dass ich nie einen gesunden Umgang mit diesem Gefühl gelernt habe. Wahrscheinlich, weil ich als Kind im Übermass damit konfrontiert wurde und ich gelernt habe, dass Trauer etwas Schlimmes ist, etwas das in ganz frühen Jahren meine Existenz hätte aufs Spiel setzten können. Auch mit der Ohnmacht kann ich nur schwer umgehen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob dies ein Gefühl ist, das helfen kann, auch wenn sie sicher für etwas steht. In meinem Fall ist die Ohnmacht so eine Art Warnzeichen. Wenn sie kommt, dann ist das mit Sicherheit ein Signal dafür, dass ich schleunigst auf mich achten muss. Auch zur Wut habe ich ein unausgeglichenes Verhältnis. Ich denke, dass das auch aus der Kindheit kommt. Ich habe keinen gesunden Umgang mit der Wut gelernt und war ihr oft ausgeliefert. In einem Masse, in dem sie alles andere als konstruktiv war. Ich finde sie so unangenehm, ich glaube das ist so weil ich auch sie oft in die Ecke dränge. Und wenn ich sie dann Mal fühle, kommt sie so unkontrolliert und ich sage und mache Sachen, die ich bereue, wenn ich mich beruhige. Ich hätte gerne einen reifen Zugang zu meiner Wut. Es wäre sicher gut, wenn sie schneller kommen könnte und dafür so, dass sie nicht alles kaputt zu machen versucht. Scham fühle ich leider oft. Manchmal überspiele ich sie, dann holt sie mich wieder ein. In Momenten in denen ich allein bin. Und dann übernimmt sie mich und bleibt stundenlang. Ich merke, dass ich ihr weniger Platz geben will. Sie tut mir nicht immer gut.

    Früher hatte ich so ein Bild verinnerlicht. Frau ist stark, wenn Frau Haltung bewahrt. Wenn sie nichts klein kriegen lässt und sie ihre Emotionen «unter Kontrolle» hat. Wenn sie von ihren Gedanken und nicht von ihren Gefühlen geleitet ist. Ein schöner Gedanke, der sich für mich unmöglich leben lässt. Und dessen Romantisierung meine Abgestumpftheit wohl mitradikalisierte.
    Heute weiss ich für mich, dass es stark ist zu fühlen. Fühlen und trotzdem zu bleiben. Zu wissen, dass ich gelebt habe, weil ich gefühlt habe und dass ich gelebt habe trotz meinen Gefühlen. Das ist stark.

    Lange Zeit verglich ich nichts zu fühlen mit Selbstschutz. Aber in Wahrheit habe ich mir die Freude genommen. Und ich konnte den Schmerz viel schlechter verarbeiten.
    Ich bin noch ganz am Anfang. Aber ich lerne. Für mich ist es wichtig, alles zu fühlen und trotzdem oder genau deshalb weich zu bleiben. Ich lerne, dass Weinen mich nicht kleiner macht. Sondern menschlicher. Big Girls Cry. Nicht weil wir zerbrechen, sondern weil wir fühlen.

  • HEALTHY BOUNDARIES

    HEALTHY BOUNDARIES

    Im letzten Jahr habe ich begonnen mir zuzuhören. So konnte ich, unter anderem durch meine Abstinenz und mithilfe von einer super Psychiaterin, die mich intensiv therapiert hat, viele Fortschritte machen in meiner Persönlichkeitsentwicklung. Ein grosses Thema, das mich schon seit Jahren belastet hat, ist es, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und für sie und meine Werte einzustehen. Durch meine Erzählungen aus meinem Alltag, wurde in den Therapiestunden schnell klar, dass es mir nicht so leicht fällt Grenzen zu setzen. Ich hatte praktisch keine Grenzen und das ist mit unter einen Grund für mein Leiden der vergangenen Jahre gewesen. Es kostete mich buchstäblich einen Teil meiner Gesundheit und vor allem meines Wohlbefindens, dass ich versuchte, immer verfügbar und verständnisvoll zu sein. Ich habe lange Zeit geglaubt, lieb zu sein bedeute sich ständig anzupassen und oftmals die Werte anderer oder deren Wohlergehen über mein eigenes zu stellen.

    Als ich an einem Abend auf dem nachhause Weg war und kurz vor dem Haus, in dem ich lebe, der Strasse entlanglief, sah ich einen Mann mittleren Alters lächelnd auf mich zukommen. Ich hatte ein komisches Gefühl, ich wusste nicht recht, ob ich diesen Mann irgendwie kannte oder warum er schnurstracks auf mich zulief. Ich wusste nicht was gleich passieren würde und durch meine Unsicherheit, lächelte ich ihm zurück. Als er dann vor mir stand, fragte er mich, wie ich heisse. Ich sagte ihm meinen Namen und wusste noch immer nicht, was er von mir wollte. Er fragte weitere Fragen, ob ich auch hier in der Nähe wohne und was ich heute Abend vorhabe. Im Nachhinein war das Beantworten dieser Fragen eines wildfremden Mannes schon eine persönliche Grenzüberschreitung für mich. Doch wie ich halt so war und es leider manchmal immer noch bin konnte ich nicht nein sagen. Ich wollte seine Gefühle nicht verletzten, ihn nicht dumm dastehen lassen, obwohl ich mich selbst sehr unwohl und komisch dabei fühlte. Es stellte sich heraus, dass er in meiner Nachbarschaft wohnte und mich nach meiner Nummer fragen wollte. Wie man sich es denken kann, gab ich ihm diese. Später schrieb er mir und fragte mehrmals, ob ich ihn noch am selben Abend treffen würde. Sogar dann brachte ich eine Ausrede nach der anderen, um abzusagen, weil ich es nicht übers Herz brachte ihm zu sagen, dass ich ihn nicht treffen wollte. Am nächsten Tag hatte ich Therapie und erzählte meiner Psychiaterin die ganze Geschichte. Sie machte mir deutlich klar, wie ich in der ganzen Situation meine eigenen Bedürfnisse und Gefühle missachtet hatte und die eines wildfremden Creeps darüber gestellt hatte. Sie zeigte mir auf, dass ich niemandem und schon gar nicht einer Person, die ich nicht kenne, etwas schulde. Dass er mich in eine unangenehme Situation brachte, in der er aus dem nichts etwas von mir wollte. Und, dass ich wirklich nicht verantwortlich war, wie er sich gefühlt hätte, wenn ich einfach nein gesagt hätte. Dass es höchste Zeit dafür war, dass ich ihm schrieb, dass ich nichts von ihm will oder ihn direkt blockiere.
    Direkt nach der Sprechstunde schrieb ich ihm ohne weiteres Erklären, dass ich ihn nicht kennenlernen möchte und blockierte seine Nummer. Ich fühlte an diesem Abend beides: Ich war ein wenig stolz auf mich, dass ich für mich eingestanden war. Und ein bisschen schuldig mir gegenüber, dass es so weit kam. Dass ich nicht vorher die Notbremse zog, auch wenn ich mich seit der ersten Minute mit ihm unwohl fühlte.

    An diesem Tag wurde mir bewusst, wie wichtig es ist Grenzen zu setzen. Dass ich mich nicht schuldig fühlen muss, wenn ich sie setze und dass sie notwendig sind, dass es mir gut gehen kann. Auch wenn so etwas selbstverständlich klingen mag, ist es eine Sache die schwierig ist für mich und an der ich mich täglich übe. Ich habe unzählige Situationen erlebt, in denen sich meine Grenzen aufgrund anderer verschob. In denen ich nicht für mich und meine Meinung eingestanden bin. Situationen, die ich über mich ergehen liess, weil ich nicht wusste ob und wie ich mich aus der Situation herausnehmen kann. Oder wo ich mich danach schuldig fühlte, wenn ich es dann mal schaffte Nein zu sagen. Situationen, in denen ich dachte, ich bräuchte eine riesige Erklärung und starke Argumente, um etwas zu tun oder nicht zu tun so wie ich es wollte. In denen ich Rücksicht nahm auf jene, die nicht über mein Leben bestimmen sollen. Und das sind alle ausser ich selbst. 

    Lange dachte ich, Grenzen haben mit Härte, Kälte oder Egoismus zu tun. Der Grund, wieso ich so oft über meine eigenen Grenzen ging, war, weil ich gemocht werden wollte. Oder weil ich dachte, die Leute würden mich mehr mögen, wenn ich mich ihnen und ihrer Meinung anpasse.
    Aber wenn ich heute darüber nachdenke, dann gefallen mir persönlich ja sogar genau diese Menschen, die wissen, was sie wollen und wofür sie stehen möchten. Vor Personen, die dann auch danach handeln, habe ich selbst grössten Respekt. Und so wird mir bewusst, dass ich selbst so eine Person sein will.
    Gesunde Grenzen zu setzen bedeutet heute für mich, dass ich mir meiner Werte bewusst bin und alles dafür tue, diese zu beschützen. Es bedeutet für mich Autonomie sowie auch Selbstschutz. Schutz davor ausgenutzt zu werden, Schutz im sexuellen, emotionalen und physischen Sinne. Oft braucht es ein wenig Mut, wenn ich Grenzen setze. Oft ist da eine Angst verbunden mit Scham. Ich hatte diese Leute nach der Party zu mir nachhause eingeladen, wie sage ich ihnen, dass ich doch müde bin und allein reingehen will. Ich «schulde» ihnen schliesslich jetzt, dass sie in mein Zuhause, meinen Safespace kommen dürfen, denn sie sind den ganzen weg mit mir hierhergekommen. Oder nicht? – Oft ist das Grenzen setzen noch ein inneres Ringen mit mir selbst. Meistens muss ich mich mit einem inneren Dialog erst selbst davon überzeugen, dass meine Bedürfnisse wichtig sind und ich sie, wenn möglich, befriedigen muss, damit es mir gut geht. Dass sie nicht zu viel sind und dass ich für mich einstehen muss, ohne schlechtes Gewissen, ohne Erklärung.
    Bis heute verbinde ich das Grenzen setzen leider viel mit Schuld und Scham. Aber mit jedem Erfolg, jedem Mal wo ich lerne, für mich einzustehen, ehrlich mit mir zu sein, zu spüren was ich gerade brauche und was nicht,und wenn ich in diesem Sinne handle, wächst das Vertrauen zu mir selbst.

    Das Gefühl, nach dem ich meine gesunde Grenze durchgesetzt habe, ist ein schönes Gefühl. Es lässt mich stolz fühlen. Ich fühle mich dann von mir selbst ernst genommen. Das ist sehr wichtig. Grenzen ist kein Weg von mir, sondern ein Weg zu mir.
    Menschen, denen ich wichtig bin, respektieren meine Grenzen.

    Heute weiss ich, Grenzen zeigen sich nicht nur in grossen Momenten. Sie leben im Alltag – emotional, körperlich, zeitlich und gedanklich. Ich achte mich darauf, dass ich emotionale Grenzen setzen lerne: Wann übernehme ich Gefühle, die nicht die meinen sind? Wann sage ich «ist schon okay» obwohl es das nicht ist? Ich darf meine Gefühle wie zum Beispiel Trauer, fühlen, ohne mich zu rechtfertigen.

    Ich gebe mir Mühe, meine physischen Grenzen zu wahren: Wann und mit wem fühlt sich Nähe zu viel an? Darf ich Abstand brauchen, auch wenn ich liebe? Ich darf auf mein Körpergefühl hören und sollte es nicht ignorieren.

    Auch meine zeitlichen Grenzen sind wichtig: Wem schenke ich Zeit aus Schuldgefühl? Wann sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Es darf sich gut anfühlen einen Abend für mich zu haben, me-time zu haben ohne Erklärung.

    Meine intellektuelle Grenze ist mir besonders wichtig geworden: Muss ich mich immer erklären, rechtfertigen, diskutieren? Darf jemand meine Sicht von mir hören, ohne dass ich mich verteidige? Wie höre ich auf, mich beweisen zu wollen? Wenn es um etwas geht, das mir wichtig ist, dann ist das so, es spielt keine Rolle ob und wer das anders sieht. Nicht jede Grenze braucht Begründung. Verständnis zu bekommen ist schön aber keine Voraussetzung.

    Nach wie vor lerne ich, Grenzen zu setzen ohne Schuld und Scham im Voraus. Und ich lerne, sanfter mit mir zu sein, wenn es mal nicht funktioniert. Wenn ich meine Grenze erst später setzen kann als gewünscht. Wenn ich eine Grenze schriftlich kommuniziere, weil ich es mündlich und face to face nicht hinbekomme.
    Welche Grenze fühlt sich für Dich überfällig an? Wo würdest Du eine setzen, wenn du dich nicht erklären müsstest?

  • STAY SOFT

    STAY SOFT

    Im späten Teenie-Alter war ich eine sehr ängstliche Person. Oft fühlte ich mich missverstanden und ich hatte wenig Vertrauen. Wegen krankheitsbedingten Gründen und wegen schweren Ereignissen, die ich nicht richtig verarbeitet hatte, traute ich den Leuten in meinem Umfeld nicht wirklich. Ich traute nahestehenden Personen wie auch meinen Ärzt*innen kaum, geschweige denn, Mitschüler*innen oder der Gesellschaft an sich. Meine Psyche war sehr instabil. Ich konnte weder den Druck der Schule oder mein tägliches Leiden noch die Negativität dieser gewaltsamen, kalten Welt ertragen. Im Gegenzug zu schwierigen Situationen, begann ich einen eigenen, trotzigen Hass auf alles und die Welt zu entwickeln. Dieser Hass liess mich ein bisschen kaputt gehen.

    Als ich ein paar Jahre später eine neue Therapeutin hatte, zu der ich erstmals etwas wie Vertrauen aufbauen konnte, löste sich dieser Hass Stückchen um Stückchen. Sie gab mir dafür Zeit. Es brauchte einige Jahre, um ein Teil meiner Angst loszuwerden. Schritt für Schritt kämpfte ich mich zurück ins Leben. Oder sagen wir ich fing an, mir ein lebenswertes Leben aufzubauen. Schon sehr früh waren die Umstände nicht gerade ideal gewesen. Diese Umstände waren grössten Teils nicht meine Schuld, dass weiss ich mittlerweile. Dennoch bildete sich daraus eine negative Einstellung und das lag in meiner eigenen Verantwortung.
    Mein Weg wurde mit der Zeit einfacher. Mit jedem Schritt, bei dem ich an mir arbeitete, öffnete sich eine neue Tür und mein Leben fühlte sich insgesamt immer angenehmer an.
    Diese Arbeit an mir selbst beinhaltete, wieder weich zu werden. Das Ziel war ein sanfterer Umgang mit mir selbst, im praktischen wie emotionalen Sinn. Egal, ob es um Schlafhygiene, bewussteres Denken, Ernährung, Alltag oder später dann auch Abstinenz ging. Eine liebevolle Haltung zu erarbeiten, zu mir selbst wie zu anderen. Meine damalige Therapeutin nannte diese Arbeit für ein besseres Leben, Arbeit an meiner Selbstfürsorge. Und nur wer für sich selbst sorgen kann, kann auch für andere Wesen da sein.

    So verging die Zeit und die Arbeit wurde nicht weniger. Aber sie fing an, sich auszuzahlen. Und ich wurde besser darin. Irgendwann begriff ich, dass ich nicht hart werden darf. Es war nicht fair, meiner Familie, meiner Therapeutin und allen Menschen, denen etwas an mir liegt, gegenüber. Aber auch, und das finde ich fast am wichtigsten, mir selbst gegenüber. Ich schuldete es mir, es wenigstens zu probieren. Ich bin nicht schuld an den Dingen, die mir passiert sind, je kleiner ich war, desto weniger Schuld trug ich. Für mein Glück, meine Genesung und Wohlbefinden bin ich jedoch verantwortlich. Ich bin jetzt ein erwachsener Mensch, ich entscheide welche Energie ich der Welt beifüge und wie ich mich behandle.

    Weich zu bleiben, heisst für mich nicht, dass man in jedem Moment alles richtig denkt, sagt oder tut. Für mich hat es aber viel mit Reflektion zu tun. Denn nur wenn ich meine Intensionen und meine Handlungen überdenke, kann ich es in der nächsten Situation besser machen. Und ich will es gut machen, ich glaube auch darum geht es in der Weichheit für mich. Ich darf nicht zulassen, dass das Schlechte dieser Welt mich bitter, hasserfüllt oder unmenschlich macht.

    Es heisst für mich, dass ich Selbstliebe praktizieren muss, so gut es geht. Auch wenn zum Beispiel mein Aussehen nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht oder meine zappelige Art bei gewissen Leuten aneckt. Es heisst auch, dass ich zärtlich sein will, zu den Menschen, die ich liebe. Und feinfühlig, mit allen Personen und Tieren, denen ich begegne. Dass ich die Menschen in meinem Umfeld auch dazu ermutige und sensibilisiere und dass ich auch in schlechten Zeiten versuche, meinen Fokus auf das Gute zu richten. Ich will mir Mühe geben, offen zu sein, auch den Personen gegenüber, die einen anderen Blickwinkel haben. Weil sie kulturell, familiär, geografisch, interessenbezogen, emotional oder rein körperlich anders sind als ich es bin. Denn andere Menschen haben andere Fähigkeiten. Und das ist wichtig.

    Ich finde es notwendig, dass wir empathisch sind. Dass wir für uns einstehen. Dass wir für andere einstehen, wenn wir Kraft genug haben. Dass wir uns Mühe geben und einander richtig zuhören. Wir müssen nicht alles verstehen, aber wir sollten es versuchen.
    Wir sollten mit und durch Liebe handeln und Mitgefühl pflegen. In so einer Welt und neben solchen Menschen möchte ich leben.
    Für mich ist Verletzlichkeit eine Stärke. Wenn man weich bleibt statt zu verhärten.

  • SPREAD LOVE

    SPREAD LOVE

    Der Begriff «Spread Love» wurde stark durch die Hippie-Bewegung der 60er/70er geprägt, eine Bewegung gegen Gewalt und Krieg. Später wurde er ein Pop- und Social-Media-Slogan und wird oft als Hashtag genutzt. Ja, auch meine Social-Media und mein Blog sind nach diesem Slogan benannt. Doch für mich ist dieser Satz alles andere als leicht, im Gegenteil, er trägt grosses Gewicht in meiner persönlichen Moral und somit bestimmt er unter anderem die Art, wie ich mein Leben führen will. «Spread Love» ist einer meiner persönlichen Werte.

    Als ich die Kantonsschule besuchte im Alter von etwa sechszehn Jahren, war ich in einem Freundeskreis mit anderen, gleichaltrigen Mädchen. Sie besuchten dieselbe Schule wie ich, waren jedoch nicht in meiner Klasse. Viele von ihnen kannte ich schon aus der Sekundarschule in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin.
    Ich erinnere mich nicht unbedingt gerne an diese Freundschaften zurück, da sie für mich oberflächlich im Gefühl blieben. Wir gingen zusammen in den Ausgang, wo wir dann meistens die Jungs aus unserem Jahrgang trafen und übernachteten anschliessend auch oft beieinander in einer kleinen Gruppe. Das Thema Jungs war zu dieser Zeit immer präsent und machte einen riesigen Teil unserer Gespräche. Ansonsten kann ich mich erinnern, dass ich allgemein kein grosses Vertrauen in diese Freundinnen hatte und wie es in diesem Kreis normal war, dass jede über jede etwas zu sagen hatte (vor allem wenn diejenige nicht dabei war) und wie sich ständig in das Leben aller der Gruppe eingemischt wurde.
    In diesem Alter hatte ich bereits einen Account auf Instagram. Es war die Zeit in meinem Leben, in der ich meine Liebe zur Hiphop- und Rapmusik entdeckte. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich und den Songtexten von Oldschool-Liedern zuzuhören war für mich eine Art abschalten zu können. Da schnappte ich das erste Mal die Worte «Spread the Love» auf und trage sie bis heute in meinem Kopf und Herzen. So kam es, dass ich sie in die Biografie von meinem damaligen Instagram-Account schrieb.
    Eines Tages an einem Wochenende, waren wir bei einer Freundin zuhause und machten uns bereit für den Ausgang. Da machte sich ein Mädchen lustig über meine Insta-Bio und sagte in einem lächerlichen Unterton: «Spread the Love! Ja genau, spreade und verteile sie einfach so allen in der Welt!» Sie meinte es zynisch und machte klar, dass Liebe für sie etwas war, mit dem man sparsam umging und dass man darauf achten sollte, wann und wem man sie gab.
    Als meine damalige Freundin das zu mir sagte, dachte ich mir nur so: Ja. Genau darum geht es! Damals wurde mir klar, dass wir ein völlig anderes Verständnis von Liebe hatten.

    Für mich hat Liebe zu verbreiten nichts mit romantischer Liebe zu tun. Für mich heisst Liebe zu verbreiten nicht, dass man sich immer fügen und zu allen in jeder Situation nett sein muss. Grenzen setzen ist manchmal auch Liebe, wenn auch nur die Liebe zu sich selbst. Liebe beginnt immer bei mir selbst. Für mich heisst Liebe präsent zu sein. Für mich ist es nicht nur was ich tue, sondern was ich (innerlich) bin. Es beginnt immer in mir drin. Liebe ist eine Einstellung. Wie behandle ich die Menschen in meinem Leben? Wie behandle ich die Menschen, die nichts für mich tun können? Wie spreche ich mit ihnen? Wie bin ich zu mir selbst? Liebe kann man nie genug geben, nur zu wenig. Und sie kommt zurück, immer. Die Liebe ist eine unendlich grosse Ressource, die Zusammenhalt, Mitgefühl, Freundlichkeit und positive Energie fördert. Liebe ist für mich keine Schwäche, sondern eine bewusste Entscheidung.

    Es macht mir und allen Menschen, denen ich begegne, das Leben schöner, wenn ich liebevoll bin, ganz egal ob zu meinem Partner, meinen Geschwistern oder zur Kassiererin in der Migros. Für mich braucht Liebe keine lauten Gesten, oft sind es sogar die winzigen, atomischen Kleinigkeiten, die den Unterschied machen. Ein Lächeln da, ein Offenes Ohr dort. Unvoreingenommen auf Leute zugehen, den Personen zuhören, die leiden. Wenn ich mich für mein Gegenüber freue. Wenn ich jemandem ein ehrliches, ernst gemeintes Kompliment mache. Zusammen tanzen, sich konstruktiv unterhalten und Haltung zeigen. Ich durfte in meinem eigenen Leben erfahren, was ein Dableiben verändern kann. Wie es mich als Mensch gestärkt hat, als Person geliebt zu werden und wie sehr ich mir das für jedes Wesen dieser Erde wünsche. Spread Love!

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    FOR FREE

    Dieser Ort, «leospreadlove», mein Blog, ist ein Raum für weiche Gedanken, die trotzdem bleiben. Für Texte über Nähe, Körper, Wachstum, Zweifel und alles dazwischen. Ich schreibe diese Texte, um zu verstehen, nicht um mich zu erklären. Es wird geschrieben, was gerade raus will, Sachen, bei denen ich ehrlich sein kann, ohne mich zu entblössen. Was mich inspiriert, wie ich mich entwickle und mein Blick auf die Welt und vor allem auf mich selbst.
    Dieser Ort soll als kreativer Freiraum verstanden werden, ohne erzwungene Fazite, teils mit offenen Enden und mit ganz viel Gefühl. Alles, was unfertig steht, darf einfach sein.
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